Über’s Salsa-Tanzen (als Führender)

Eine laue Sommernacht in einer Strandbar in Berlin. Es ist nach Mitternacht. Ein schönes Salsastück beginnt zu spielen. Ich fordere eine mir unbekannte Frau zum Tanz auf. Während der ersten Schritte spüre ich, dass sie sehr gut tanzt. Ich schließe die Augen und genieße das Gefühl mich zusammen mit ihr zur Musik zu bewegen. So harmonisch. Nach einer Weile öffne ich sie wieder und beginne einige Figuren zu führen. Ein paar Regentropfen fallen auf uns. Wir tanzen weiter. Ich will diesen Moment so lange wie möglich genießen. Als die Musik wegen des Regens gestoppt wird, hören wir schließlich auf.

Seit über 11 Jahren tanze ich Salsa (seit Anfang 2005).

Angefangen hab ich, weil mir die Musik gefallen hat und ich wollte mal das Tanzen dazu ausprobieren. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich Salsa zum ersten Mal in dem Buena Vista Social Club Film wahrgenommen. Außerdem hatte ich die irrtümliche Vorstellung – wie vermutlich Viele – dass ich darüber Frauen kennenlernen würde.

Von der ersten Tanzstunde an war ich begeistert. Nur den Grundschritt zu tanzen hat schon soviel Spaß gemacht. Immer nach dem Kurs hatte ich die Musik im Kopf und wäre am Liebsten nach Hause getanzt. Zuhause hab ich jeden Tag alle mir bekannten Schritte und Figuren geübt.

Nach ca. 6 Wochen Tanzkurs bin ich zum ersten Mal mit den anderen Tanzschülern zum Salsa tanzen in die Disco gegangen. Als Anfänger, der nur wenige Figuren konnte und kaum Vertrauen in die eigenen Tanzfähigkeiten hatte, verbrachte ich die meiste Zeit schüchtern in der Ecke und schaute anderen zu. Zum ersten Mal eine Frau aufzufordern, die ich nicht kannte, war wie eine Mutprobe.
Aber es war großartig. So viele unglaublich gute Tänzer und Tänzerinnen. So viele glückliche Menschen, die Spaß hatten.

Wenig später besuchte ich zwei Kurse parallel und ging zusätzlich 1 bis 2 mal die Woche in die Clubs. Ich war infiziert vom Salsa-Virus :-). Seitdem habe ich haufenweise Kurse besucht, unzählige Abende tanzend verbracht, Spanisch gelernt, bin nach Kuba gereist, überall wohin ich reise geh ich tanzen und habe viele tolle Menschen kennengelernt und einige gute Freunde übers Tanzen gefunden.

Die Hauptschuld daran trägt die unglaubliche Musik, die einen nicht still halten lässt. Ein gutes Salsalied hat soviel Groove, dass man Mitsingen, Mittanzen oder Mitwippen muss. Viele Lieder schalten nach einer Weile einen Gang hoch, so dass sie noch treibender sind und es noch schwieriger wird nicht Aufzuspringen und Mitzutanzen.

Ein Salsa-Orchester besteht aus vielen verschiedenen Instrumenten, die alle ineinander verzahnte rhythmische Figuren spielen. Typischerweise gehören Kongas, Bass, Klavier, Timbales, Bongos, Maracas, Güiro, Klave, Trompete und Posaune dazu.
Zu versuchen die Musik mit Worten zu beschreiben, würde ausufern und könnte nie der Musik gerecht werden. Deshalb nur soviel: Durch die vielen Instrumente und die verschiedenen Rhythmen und Melodien entsteht ständig etwas Neues. Immerzu passiert was: die Instrumente wechseln ihre Rollen, die Bläser spielen erst langsam und tragend und wechseln dann zu kurz und rhythmisch. Innerhalb eines Liedes gibt es langsame und schnelle Abschnitte und auch viel Abwechslung zwischen Strophe, Chorus, Breaks und Soli.
Es existieren viele Unterarten von Salsa, so dass es nie langweilig wird: Salsa Romantica, Salsa Dura, Mambo, Timba, Charanga, Pachanga, Cuban Salsa, Rumba, Boogaloo und Salsaton.

Ich kann mich ewig damit beschäftigen den einzelnen Instrumenten zu zu hören und die rhythmische Figur sowie das Zusammenspiel mit den anderen Instrumenten zu analysieren z. B. was die Klave spielt und wie der Basslauf ist.

Salsa sticht gegenüber anderen Tänzen durch eine Vielzahl von Figuren und besonders komplizierten Figurenkombinationen hervor. Neben dem Spaß am Tanzen, war auch das Lernen von möglichst vielen Figuren am Anfang eine große Motivation. Eigentlich gibt es gar nicht so viele Grundelemente aber da man alles miteinander kombinieren kann, ist die Anzahl der Variationen gigantisch.

Beim Salsa-Lernen hatte ich ein paar interessante Momente:

  • Nach ein paar Wochen machte es Klick und ich konnte den Grundschritt tanzen, ohne mehr darüber nachdenken zu müssen.
  • Die Figuren beginnen entweder auf 1 oder 5 und anfangs musste ich entweder mitzählen oder überlegen, ob ich auf dem richtigen Fuß stehe, um ein Figur zu tanzen. Irgendwann klickte es wieder und wusste einfach, wann der richtige Zeitpunkt ist.
  • Am Anfang hab ich mir mit der Führung sehr schwer getan. Ich wusste ja nicht genau, wann ich die Figur einleiten muss und wie schnell meine Partnerin sich drehen muss. Ich glaube, da hab ich nach und nach an Sicherheit gewonnen.
  • Anfangs habe ich eine Figurenkombination geführt, wechselte danach zurück in den Grundschritt und hab dann irgendwann die nächste Kombination begonnen. Nach ein paar Monaten war ich plötzlich in der Lage Kombinationen nahtlos aneinander zu reihen ohne in den Grundschritt zurückkehren zu müssen. Noch später hab ich dann angefangen die Kombinationen (während des Tanzens) in die Einzelteile zu zerlegen und neu zusammen zu setzen.

Irgendwann kam der Punkt, wo neue Figuren nicht mehr so wichtig waren (gibt natürlich noch Viele, die ich lernen könnte). Es passierte was. Manchmal beim Tanzen passierte was Besonderes. Es gab so Momente, in denen alles perfekt war. Die Musik, die Partnerin, die Leute drum herum, die Location. Und in diesen Momenten wuchs über mich selbst hinaus. Ich improvisierte Kombinationen, die ich nie vorher gelernt oder gedacht hatte. Das sind Momente in denen alles stimmt und die sich großartig anfühlen.

Diese Momente sind selten, manchmal nur einmal an einem ganzen Abend. Manchmal passiert es gar nicht. Und sie sind kurz, nur wenige Sekunden lang. (Ich weiß auch nicht, ob jemand anderes etwas merkt oder wie meine Partnerin das erlebt.) Mittlerweile sind diese Momente einer der Gründe weiter tanzen zu gehen. Ich gehe auch, weil ich dort Freunde und Bekannte treffe und weil das Tanzen immer noch Spaß macht. Aber ich bin auch auf der Suche nach den perfekten Momenten. Und wie ein Süchtiger will ich wieder und wieder den Rausch erleben.

Es ist schwer diese Momente zu beschreiben. In dem Film “From Mambo to HipHop”, der die Entstehung von Salsa in New York beschreibt, kommt auch dieses Phänomen vor. Ein Tänzer dort beschreibt es als Trance, dass eine Verbindung zwischen Tänzer und Trommler entsteht und es fühle sich so an, als würde der Raum abheben. Er vergleicht es auch mit einer spirituellen Erfahrung.

Obwohl ich mich nicht als spirituellen Menschen verstehe, kommen die Beschreibungen von spirituellen oder transzendenten Erfahrungen diesen Momenten recht nahe. Es ist ein bisschen als würde ich nicht mehr selber bestimmen wie ich mich bewege und mir selbst dabei zuschauen.

Wie war das, als ihr angefangen habt Salsa zu tanzen und erlebt ihr auch diese besonderen Momente? Besonders interessieren würde mich auch die Perspektive als Folgende(r).

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